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Zwischen Wissenschaft und Unrecht: Symposium zur Psychiatrie im Nationalsozialismus

Garmisch-Partenkirchen, 2.07.2026

Die Geschichte der Psychiatrie während des Nationalsozialismus ist kein abgeschlossenes Kapitel. Sie fordert bis heute dazu heraus, Verantwortung zu übernehmen, ethnische Maßstäbe zu hinterfragen und den Blick für die Gegenwart zu schärfen. Wie eng historische Aufarbeitung und aktuelle Fragestellungen miteinander verbunden sind, zeigte das Symposium „Nervenheilkunde während des Nationalsozialismus“ an der kbo- Lech-Mangfall-Klinik Garmisch-Partenkirchen. Mit der eindringlichen Mahnung, dass sich Geschichte wiederholen kann, begrüßte Veranstalter Prof. Dr. Florian Seemüller rund 90 Teilnehmenden in den Räumlichkeiten der kbo-Lech-Mangfall-Klinik und verwies auf die Bedeutung einer kritischen Auseinandersetzung mit der Geschichte für alle, die heute mit psychisch kranken Menschen arbeiten.

Den Auftakt des Symposiums bildete der historisch-philosophische Prolog von Prof. (i. R.) Dr. med. Hans Förstl. Er zeigte eindrucksvoll auf, dass die Geschichte der NS Krankenmorde nicht plötzlich begann, sondern auf Entwicklungen in Philosophie, Medizin und Gesellschaft aufbaute. Anhand ausgewählter Beispiele aus der Aufklärung sowie der Psychiatrie des 19. und frühen 20. Jahrhunderts verdeutlichte Förstl, dass Wissenschaft, Philosophie und Kultur zwar wichtige Erkenntnisse lieferten, ihre humanisierende Kraft jedoch erst im Zusammenspiel mit ethischer Verantwortung und der Achtung der Menschenwürde entfalten können. Werden sie davon getrennt, können sie ganz im Gegenteil ideologisch missbraucht und zur Rechtfertigung von Unrecht werden.

Im weiteren Verlauf standen konkrete Entwicklungen und Akteure der NS-Zeit im Mittelpunkt. Prof. Dr. med. Michael von Cranach, ehemaliger Ärztlicher Direktor des Bezirkskrankenhauses Kaufbeuren, beleuchtete dabei das Wirken und die Radikalisierung des deutschen Psychiaters Valentin Faltlhauser. Sein beruflicher Weg zeigt exemplarisch, wie einst medizinische Reformideen und Patientenfürsorge unter politischen Bedingungen ins Gegenteil umschlagen konnten. Der Übergang von einer wissenschaftlich geprägten Psychiatrie hin zu einer ideologisch geprägten Medizin im Nationalsozialismus wurde von Prof. MUDr. Evžen Růžička am Beispiel des Psychiaters Eduard Gamper, im Jahr 1930 Lehrstuhlinhaber der deutschen Universität in Prag und seines Nachfolgers, dem deutschen Psychiater und Neurologen Kurt Albrecht dargestellt. Gamper starb 1938 bei einem Autounfall am bayerischen Walchensee. Sein Tod markierte symbolisch das Ende einer wissenschaftlich geprägten Epoche in der Psychiatrie.

Mit seinem Nachfolger Kurt Albrecht setzte eine zunehmend ideologische Ausrichtung im Sinne nationalsozialistischer „Rassenhygiene“ ein, die den raschen Wandel medizinischer Institutionen im NS-System einmal mehr verdeutlicht. Abschließend betonte Prof. Dr. med. Thomas Becker in seinem Vortrag die Bedeutung der Erinnerung und kritischen Reflexion in der heutigen Psychiatrie. Medizin und Psychiatrie seien dauerhaft gefordert, sich ihrer Geschichte zu stellen und daraus Verantwortung für die Gegenwart abzuleiten. Die spannende Diskussion, die sich im Anschluss an die Vorträge entwickelte, machte deutlich, wie aktuell die historische Erfahrung bis heute ist und welche Bedeutung sie für gegenwärtige ethnische Fragen, etwa im Umgang mit Sterbehilfe, den Schutz vulnerabler Menschen sowie die gesellschaftliche Verantwortung für Pflege und Fürsorge in Medizin und Psychiatrie besitzen.

Geschichtlicher Hintergrund

Die sogenannten NS-Krankenmorde, auch „Euthanasie“- Verbrechen bezeichnet, waren ein staatlich organisiertes Tötungsprogramm im nationalsozialistischen Deutschland. Unter der Tarnbezeichnung „Aktion T4“ wurden ab 1939 Menschen mit psychischen Erkrankungen, geistigen Behinderungen sowie weitere als „lebensunwert“ stigmatisierte Personen systematisch ermordet. Nach heutiger Forschung wurden in der zentral organisierten Phase bis 1941 etwa 70.000 Menschen getötet. Insgesamt gehen Historiker infolge der späteren dezentralen Fortsetzung der Morde von rund 200.000 bis 300.000 Opfern aus. Die Verbrechen wurden nicht allein von staatliche Stellen geplant und durchgeführt, sondern auch innerhalb der medizinischen Fachwelt in weiten Teilen mitgetragen, legitimiert oder nur unzureichend hinterfragt, mit nur wenigen bekannten Ausnahmen. Auf diese Weise wurden wissenschaftliche Autorität und medizinisches Wissen in den Dienst einer ideologisch begründeten Vernichtungspolitik gestellt. Darüber hinaus wurden im Rahmen der „Euthanasie“- Programme organisatorische Abläufe und Tötungsmethoden entwickelt, die später im Kontext des Holocaust und der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik in größerem Maßstab weiterverwendet wurden.

Hinweis: Die weibliche und die männliche Form werden abwechselnd oder gemischt verwendet, es sind jedoch grundsätzlich alle Geschlechter gemeint

Von Carola Krumbacher