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Aktuelle Nachrichten aus den kbo-Lech-Mangfall-Kliniken!

Interview mit PD Dr. Florian Seemüller, Chefarzt der kbo-Lech-Mangfall-Kliniken Garmisch-Partenkirchen und Peißenberg, über die Lehrauszeichnung der LMU München in der Unterrichtsform Seminar

Garmisch-Partenkirchen, November 2020

Herr Dr. Seemüller, Sie sind von der LMU München, dem Klinikum der Universität München, Institut für Didaktik und Ausbildungsforschung in der Medizin, für Ihr herausragendes Engagement in der Unterrichtsform Seminar für das Sommersemester 2019 sowie das Wintersemester 2019/20 ausgezeichnet worden.
Zunächst einmal herzlichen Glückwunsch zu dieser bedeutsamen Lehrauszeichnung, die Sie auch in den Vorjahren schon erhalten haben und deren Vergabe auf der Summe der studentischen Antworten auf die Frage nach den besten Lehrenden im Curriculum im Rahmen der semesterbegleitenden Online-Evaluation basiert.

Recht herzlichen Dank. Ich habe ja an der LMU habilitiert und habe damit einen verbindlichen Lehrauftrag für Psychiatrie und Psychotherapie übernommen, dem ich immer wieder gern gerecht werde. Während ich bislang vor allem für die höheren Fachsemester Seminare über das gesamte Fachwissen der Psychiatrie gehalten habe, unterrichte ich seit zwei Jahren nun auch den so genannten "L-Kurs“ (L für longitudinal) für die jüngeren Semesterstufen, in dem die jungen Medizinstudenten in einer zweistündigen, einmaligen Veranstaltung das Feld der Psychiatrie nahe gebracht bekommen sollen.
Wie kann das in so kurzer Zeit passieren?
Indem man in diesen zwei Stunden möglichst praxisnah darstellt, worum es in unserem Fachbereich geht. Mir persönlich liegt vor allem auch daran, dem leider nach wie vor noch recht schlechten Ruf, den die Psychiatrie innerhalb der Medizin und unter den Studierenden innehat, entgegenzuwirken. Das Stigma, das unserem Fach anhängt, sieht man auch daran, dass die Psychiatrie zu den unbeliebtesten Fächern bei den Studenten zählt – neben Urologie zum Beispiel. Viele sind leider mit Vorurteilen behaftet – das gilt ja nicht nur für die Studenten. Aber sie haben die Möglichkeit zu lernen und eine Idee und eine Einsicht davon zu bekommen, dass eine seelische Erkrankung wie alle anderen auch, ihre jeweiligen psychischen und sozialen, teilweise auch physiologischen Ursachen hat.
Wie gelingt denn das Entgegenwirken?
Insbesondere der L-Kurs bedeutet eine große Chance, bei den in der Regel noch recht jungen Studenten die Begeisterung für die sprechende Medizin, zu der die Psychiatrie, die Psychotherapie und die Psychosomatik gehören, zu wecken. In Zusammenarbeit mit der LMU präsentiere ich den Studenten einen Patienten, mit dem ich spreche und der sich mir und den Studenten gegenüber öffnet. Bei der Auswahl dieses Patienten legen wir größten Wert darauf, dass er offen und gesprächsbereit und damit „spannend“ ist, damit steht und fällt der Unterrichtsverlauf. So gelingt es, plastisch, konkret und lebendig darzustellen, wie eine seelische Erkrankung aussieht und wie sie sich ausdrückt.
Was geschieht nach dem Gespräch mit dem Patienten?
Gemeinsam mit den Studenten, die dem Patienten im Anschluss an meine Exploration auch noch Fragen stellen können und diese Gelegenheit in der Regel auch rege nutzen, werden die Symptome herausgefiltert und gemeinsam besprochen. Danach referiere ich dann noch über das jeweilige Krankheitsbild, um ein grundlegendes Verständnis für die Krankheit zu wecken.
Was macht denn den besonderen Reiz des Fachs der Psychiatrie aus Ihrer Sicht aus?
Die Diagnostik und Therapie in der Psychiatrie sind überaus anspruchs- und deshalb auch reizvoll, sie sind vielschichtig wie die Ursachen für psychische Störungen es sind und es fließen neben biographischen Faktoren auch psycho-soziale in jede individuelle Behandlung mit ein. Die Psychiatrie ist tatsächlich ein komplexes Fach, das mich schon früh fasziniert hat.
Sie musste also niemand in ihrem eigenen Medizinstudium davon überzeugen, dass die Psychiatrie ein spannendes Berufsfeld darstellt?
Nein, ganz und gar nicht. Allerdings erinnere ich mich noch gut daran, wie trocken und Theorie-lastig damals dieses Fach uns Lernenden präsentiert wurde. Aus diesen schlechten, eigenen Erfahrungen habe ich vor allem eines gelernt: es später, wenn ich selbst einmal unterrichten würde, anders zu machen.
Und das tun sie, indem sie äußersten Wert auf den Praxisbezug in ihren Seminaren – insgesamt sind es im Jahr etwa acht – legen?
Genau. Seit nunmehr 18 Jahren bin ich in der Lehre engagiert. Ich schöpfe gern aus der Praxis eines Versorgungskrankenhauses aus echten, täglich erlebten Fällen. Sie repräsentieren so eine bunte, klinische Vielfalt, wie sie einem am Schreibtisch niemals einfallen würden. Durch die Fallgeschichten, die ich immer wieder im Unterricht mit einfließen lasse, wird überaus anschaulich, worum es in der Psychiatrie in ihrer gesamten Vielfalt geht. Das gefällt den Lernenden und wohl nicht zuletzt deshalb haben sie mich und meinen Unterricht so positiv bewertet.
Und so schaffen Sie es, Vorurteile und Berührungsängste abzubauen?
Ich denke schon, ja. Ich habe sehr viel Freude daran, die Schönheit unseres Faches aufzuzeigen. Dass ich den einen oder anderen begeistern durfte, zeigt sich unter anderem daran, dass hier in der kbo-Lech-Mangfall-Klinik Garmisch-Partenkirchen einige meiner früheren Studenten inzwischen ihre berufliche Tätigkeit aufgenommen haben.
Als Akademisches Lehrkrankenhaus der TU München darf Ihre Klinik ja auch Studenten ausbilden?
Ja einige absolvieren nach oder während Ihres Studiums hier bei uns – im wunderschönen Zugspitzort Garmisch-Partenkirchen mit seinen herausragenden Freizeitmöglichkeiten - auch erst einmal ein Praktikum, um in die Psychiatrie hinein zu schnuppern. Es freut mich immer ganz außerordentlich, wenn der eine oder andere von ihnen dann ganz zu uns kommen.
Was bedeutet Ihnen diese Lehrauszeichnung persönlich?
Sie ist ein überaus schönes Feedback und eine tolle Bestätigung, die mich motiviert, auch künftig so weiterzumachen wie bisher und dranzubleiben an dieser Lehrtätigkeit, die mir selbst ja auch so viel Spaß bereitet. Vor allem, wenn man sieht, wie die anfängliche Skepsis sich in Interesse und dann in Begeisterung wandelt und einige aus München sich auf den Weg zu uns machen, um sich die Psychiatrie einmal in der Praxis anzuschauen. Es ist auch sehr befriedigend festzustellen, dass sich doch langsam herumspricht, dass unsere Arbeit im Vergleich zu anderen medizinischen Berufen befriedigender ist, weil wir eine ganz andere Beziehung zu unseren Patienten aufbauen und sie ganzheitlicher wahrnehmen und behandeln können.
Sie haben nicht den Spezialisten-Blick auf ein bestimmtes Organ oder Symptom?
Genau, wir sehen und verstehen jeden Patienten in seinem Gesamt-Umfeld, dürfen ihn ein Stück weit auf seinem Lebensweg begleiten und ihm dabei helfen, seine Lebensqualität zu erhöhen.
Herr Dr. Seemüller, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.


Das Gespräch führte Barbara Falkenberg, Öffentlichkeitsarbeit kbo-Lech-Mangfall-Kliniken gGmbH