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Aktuelle Nachrichten aus den kbo-Lech-Mangfall-Kliniken!

Interview mit PD Dr. Florian Seemüller, Chefarzt der kbo-Lech-Mangfall-Kliniken Garmisch-Partenkirchen und Peißenberg, über die Re-Zertifizierung mit dem Siegel der DGBS

Garmisch-Partenkirchen, Mai 2021

Herr Dr. Seemüller, die kbo-Lech-Mangfall-Kliniken Garmisch-Partenkirchen hat unter Ihrer Leitung als Chefarzt nach vier Jahren erneut das Gütesiegel der Deutschen Gesellschaft für Bipolare Störungen (DGBS) erhalten, herzlichen Glückwunsch zu dieser Re-Zertifizierung! Das Krankheitsbild der Bipolaren Störungen ist eines Ihrer Steckenpferde in der Behandlung psychisch kranker Menschen, richtig?
Vielen Dank und ja, ich habe viele Jahre lang an der Ludwig Maximilian Universität München (LMU) die Spezialambulanz und die Spezialstation für bipolare Störungen geleitet und einige Forschungsarbeiten zu diesem Thema veröffentlicht. Dieses Krankheitsbild hat mich von jeher fasziniert und es begleitet mich gewissermaßen von Anbeginn meiner psychiatrischen Tätigkeit. Meine berufliche Laufbahn als Psychiater begann mit meiner Teilnahme in einer Arbeitsgruppe für Bipolare Störungen an der LMU, die für mich der Einstieg in der Weiterbildung zum Psychiater nach dem Medizinstudium war.
Woher kam diese Faszination?
Einerseits handelt sich um ein sehr vielschichtiges Krankheitsbild mit vielen Facetten, andererseits genoss der damalige Leiter dieser Arbeitsgruppe einen sehr guten Ruf, Interesse und Zufall verbanden sich…
Sie sind seit Gründung der DGBS im Jahr 1999 Mitglied, welches vorrangige Ziel in der Behandlung bipolarer Patienten verfolgen die Gesellschaft sowie ihre Vertreter?
Die Behandlung folgt einem konsequent Trialogischen Ansatz, das heißt, Betroffene, Angehörige und Ärzte/Psychologen arbeiten Hand in Hand auf Augenhöhe, patriarchalische Strukturen sind nicht erwünscht. Das Grundprinzip lautet: „zum Wohle der Patienten“ – deshalb wird auch nicht vom Patienten, sondern vom „Betroffenen“, gesprochen.
Dieser Trialogische Ansatz wird ja auch auf der strukturellen Ebene der DGBS selbst umgesetzt…?
Genau, der Vorstand ist ebenfalls trialogisch besetzt, d.h. mit Betroffenen, Angehörigen und Experten. Die Idee dahinter: die Betroffenen und Angehörigen können ihre vielfältigen Erfahrungen mit ihrer Krankheit gewinnbringend einbringen. Die Betroffenen - manche sprechen auch von „Psychiatrie Erfahrenen“ - sind ja eingebettet in ihre jeweiligen sozialen Systeme, die im günstigsten Fall erheblich zur Genesung beitragen können, im ungünstigsten Fall bedingen sie die Erkrankung mit. Insofern macht dieser Trialogische Grundgedanke absolut Sinn.
Wird dieser Ansatz auch in anderen Krankheitsbildern eingesetzt?
Der Ansatz macht eigentlich bei allen psychiatrischen Krankheitsbildern Sinn. Aber er wird in keiner anderen Fachgesellschaft so konsequent umgesetzt wie bei der deutschen Gesellschaft für bipolare Störungen.
Früher sprach man ja nicht von bipolaren Störungen, sondern von manisch-depressiven Erkrankungen…
In Deutschland hat Emil Kraepelin den Begriff „manisch-depressives Irrsein“ geprägt. Um diesen Begriff zu entstigmatisieren, bevorzugt man heute den der bipolaren Störung, der auf die zwei Pole „Himmelhochjauchzend“ (= Manie) und zu „Tode betrübt“ (= Depression) fokussiert. Aus Zwillingsstudien wissen wir, dass die Erkrankung einen starken biologischen Anteil hat. Das Risiko bei eineiigen Zwillingen, dass der andere Zwilling die Erkrankung bekommt, wenn einer betroffen ist, liegt bei 80%. Während der leichten manischen Phasen erleben die Betroffenen auch die positiven Eigenschaften dieser Erkrankung, nämlich eine erfüllende Euphorie, die mit einer deutlich erhöhten Kreativität und Durchsetzungsfähigkeit einhergehen.
So lässt es sich erklären, warum viele erfolgreiche Menschen, unter ihnen Manager, Künstler oder Führungspersönlichkeiten, an einer bipolaren Störung leiden oder litten?
Genau, Vincent van Gogh, Ernest Hemingway, Robert Schumann waren einige von ihnen. Mehr dazu unter www.youtube.com/watch.
Was bedeutet Ihnen diese Auszeichnung – die kbo-Lech-Mangfall-Klinik Garmisch-Partenkirchen gehört mit ihr immerhin zu einer der lediglich 20 deutschlandweit zertifizierten Kliniken – persönlich?
Es gilt, strenge Kriterien zu erfüllen, man wird regelmäßig überprüft und so ist es kein Wunder, dass von den gut 1000 psychiatrischen Kliniken, die wir im Land haben, nur so wenige diese Zertifizierung erhalten – auch insofern erfüllt sie mich durchaus mit ein wenig Stolz. In jedem Fall ist die Auszeichnung eine Bestätigung unserer Arbeit und eine Aufforderung, in dieser Richtung weiterzuarbeiten und zu wirken. Schließlich kommen Betroffene aus ganz Deutschland zu uns, um sich hier entweder in stationäre Behandlung oder in unserer Spezialambulanz für Bipolare Störungen in ambulante Behandlung zu begeben oder beraten zu lassen.
Worin liegt die besondere Herausforderung in der Behandlung einer bipolaren Störung?
Da sich die Betroffenen in den euphorischen Phasen außerordentlich gut fühlen, kann man sich leicht vorstellen, dass sie in solch einem Zustand nicht bereit sind, sich Hilfe zu holen. Warum auch, sie sehen überhaupt keine Veranlassung, daran etwas zu ändern und es ist enorm schwierig, sie in dieser Situation von der dringenden Notwendigkeit einer Behandlung zu überzeugen. Deshalb ist eine effektive Aufklärung
über dieses extrem vielschichtige Krankheitsbild so elementar, damit auch die Angehörigen und das Umfeld eines Betroffenen hellhörig und für diese Erkrankung sensibilisiert werden.
Gibt es erste Alarm- und Warnsignale, die darauf hindeuten, dass sich eine bipolare Störung entwickelt oder bereits vorhanden ist?
Die Erkrankung beginnt oft mit einer depressiven Phase. Und zu diesem Zeitpunkt weiß man oft noch nicht, ob sich daraus später mal eine bipolare Störung entwickelt oder ob es bei der sehr viel häufigeren unipolaren Depression bleibt. Ein sehr früher Krankheitsbeginn in der Adoleszenz, eine sehr rasche Entwicklung der Depression über einige Tage und nicht über viele Wochen oder Monate und einzelne Symptome der Manie während der Depression (z. B. große motorische Unruhe) können wichtige Hinweise sein. Nicht selten findet sich im Jugendalter auch schon eine Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung -ADHS.
Insofern ist die Diagnosestellung sicher nicht einfach?
Richtig, sie erfordert eine sehr genaue und sorgfältige Analyse und Anamnese. Gerade bei den vielen depressiven Patienten die wir Tag für Tag sehen verpasst man manchmal das gezielte Erfragen von manischen Episoden in der Vorgeschichte. Da gilt es, sehr wachsam zu sein und mit dem nötigen Wissen und Fingerspitzengefühl vorzugehen.
Herr Dr. Seemüller, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Das Gespräch führte Barbara Falkenberg, Öffentlichkeitsarbeit kbo-Lech-Mangfall-kliniken gGmbH